
Viertes Kapitel |
EHE ALS UR-SAKRAMENT DES SCHÖPFUNGS- |

A. DIE EHE DES „ANFANGS” |

1. Start zu weiteren Erwägungen |
Wir nähern uns entschieden dem Zentralthema des hiesigen Teiles: Ehe als Sakrament. Wenn auch die Bücher des Neuen Testamentes keinen deutlichen Eintrag über den Zeitpunkt enthalten, wann Jesus Christus die Ehe als Sakrament gegründet hat, sind sie doch auf nicht formale Weise mit vorausgesetzter Sakramentalität der Ehe durchtränkt. Unabhängig davon, dass die damalige Theologie die exakte Bezeichnung ‘Sakrament’ noch nicht ausgearbeitet hat, hat die Wirklichkeit der Ehe als Sakramentes von Anfang an bestanden: die Ehe wurde nämlich in schlichter Folgerichtigkeit des ‘Sinnes des Glaubens’ und der ‘Analogie des Glaubens’ der Ursprünglichen Kirche geradeaus als ‘Sakrament’ gelebt. Davon zeugt auf ganz besondere Art und Weise der Brief des Hl. Paulus an die Epheser (zumal das Christologisch-Ekklesiale Kondensat: Eph 5,21-33; es wird Gegenstand unserer Erwägungen im 8.Kap. des hiesiegen Teiles sein) – offenbar im Anschluss an die schlüsselhaften Aussagen Jesu selbst. Solche Haltung angesichts der Ehe war übrigens deutliche Weiterfolge, aber um so mehr unerwartete Vertiefung und Umgestaltung der Aussagen des Alten Testamentes über die Ehe, wie auch der gegenseitigen Beziehungen in der Vertikale: Gott und Volk der Wahl Gottes. Erwägungen dieser Themen widmete viele Katechesen, die in der Geschichte der Theologie als Umbruch anerkannt werden müssen, Papst Johannes Paul II. (gesammelt in: MiN [poln.]; in deutsch, s.: ‘Die Menschliche Liebe ...’: Johannes Paul II (Katechesen).
Wir verweilen entschieden am Niveau des Glaubens. Das bedeutet offensichtlich keineswegs, dass wir nicht dauernd am harten Boden der gar nicht immer ‘Rosa’-Wirklichkeit der konkreten Ehe stehen. Diese Wirklichkeit wird aber im Licht der Offenbarung Gottes gewertet – in lebendiger Verbundenheit zu ihrer Deutung vonseiten der Kirche. Wir sind uns dessen bewusst, dass die so begriffene Deutung für den für sich selbst gelassenen Verstand nicht direkt zugänglich bleibt. Das wurde treffend von Johannes Paul II. in seinem ‘Brief an die Jugendlichen in der ganzen Welt (1985) hervorgehoben:
„Das Christentum lehrt uns, die Vergänglichkeit von der Perspektive aus des Reiches Gottes zu verstehen, von der Perspektive des ewigen – Lebens ...” (BJ-1985,5).
Die mit der Sakramentalität verbundenen Erwägungen treten unmittelbar in übernatürliche Wirklichkeit ein. Das betrifft auch die Ehe als Sakrament. Übrigens: jeder Mensch – ob er davon Bescheid weiß oder nicht, wird im Augenblick seiner Erschaffung zum ewigen – Leben, im „Haus des Vaters” – gerufen. Folglich, niemand kann sich in seinem Leben von der Perspektive des „ewigen – Lebens” drücken, wie das die gerade erst angeführten Worte Johannes Paul II. hervorheben. Daher wendet sich der Stellvertreter Christi im nächsten Satz – wobei er gerade die Jugendlichen der ganzen Welt anspricht, die meistens von neuem leidenschaftlich nach dem Sinn des Lebens suchen (J-1985 3.5):
„Ohne diese Perspektive [des ewigen Lebens] bringt die Vergänglichkeit, und wäre sie auch am allseitigsten gestaltet, dem Menschen am Ende nichts anderes, als allein die Unausweichlichkeit des Todes” (LM 5).
Wir benutzen mit Dank die tiefgehenden Analysen der biblischen Schlüsselaussagen Johannes Paul II. über die besprochenen Themen. Besonders wichtig im Anschluss an die Ehe als Sakrament sind die Aussagen des Hl. Paulus vom erwähnten Brief an die Epheser (bes. Eph 5,21-33), allerdings in strikter Verbindung mit deutlicher Berufung Jesu Christi auf die Situation der Erschaffung des Menschen und der Ehe „am Anfang” (Mt 19,3-9; Mk 10,2-12). Die erwähnten biblischen Aussagen verstehen wir offenbar im Licht des ganzen biblischen Berichtes über die Erschaffung des ersten Menschen (Gen 1-2). Es ist klar, dass man außerdem auch noch an mehrere andere Aussagen sowohl des Alten, wie Neuen Testamentes anknüpfen muss. Die Heilige Schrift ist doch in Fülle ‘sie Selbst’ erst als organische Gesamtheit – immer in ihrer zuengsten Verbindung mit der dogmatischen Überlieferung der Kirche.
Das hiesige, vierte Kapitel des jetzigen VI. Teiles, verteilen wir in weitere vier grundsätzliche Unterpunkte-Paragraphe ein:
Die Ehe des „Anfangs” (§ A)
Eheliche Kommunion des Zustandes der ursprünglichen Unschuld (§ B)
Eheliche Kommunion nach dem Sündenfall im Garden Eden (§ C)
Versichtlichung Gottes Heiligkeit in der Welt nach dem Sündenfall (§ D)

2. Die Ehe „am Anfang” |

a. „Am Anfang” ... |
Ganz besonders wichtig für die Theologie der Ehe sind die Worte Jesu Christi zur Gruppe von Pharisäern, die Ihn irgendwie in Verruf zu bringen versuchten – diesmal im Anschluss an die Frage der ‘Scheidungsurkunden’ (Mt 19,7), die Mose zugelassen hat (Dtn 24,1-4). Die Entscheidung Mose war typisches Zugeständnis – zweifelsohne angesichts der zornigen Haltung vieler, denen es schwer war das eheliche Gelöbnis weiter zu halten: „... und dass ich dich nicht verlasse bis uns der Tod trennt”.
– Jesus lässt sich in die rabbinischen Auseinandersetzungen nicht hineinziehen. Er bleibt dagegen sofort auf dem nicht beanstandeten, harten Boden des „Anfangs” stehen. Von dieser Perspektive aus stellt Er die eindeutige Bewertung aller ‘Scheidungsfragen’ dar:
„Jesus entgegnete ihnen: ‘Wegen eurer Herzenshärte hat er [Mose] dieses Gebot erlassen. Am Anfang der Schöpfung jedoch hat Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen [Zitat: Gen 1,27]: Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen und die zwei werden Ein Leib sein [Zitat: Gen 2,24].
Sie sind also nicht mehr zwei, sondern Ein Leib.
Was nun Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen’ ...” (Mk 10,5-9; vgl. Mt 19,4-8).
Diese Worte sind ungemein trächtig. Jesus weist hier zweimal mit großem Nachdruck auf die Tatsache hin, dass Gott selbst Schöpfer sowohl der Schöpfung überhaupt ist (‘Am Anfang der Schöpfung ...’), wie auch Schöpfer des Menschen in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit (‘... hat Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen’).
Es ziemt sich hervorzuheben, dass Jesus hier bis zweimal vom ‘Anfang’ spricht (Mt 19,4.8).
– Daselbst führt Er wörtlich die Worte der Heiligen Schrift des Alten Testamentes überhaupt an: „Im Anfang schuf Gott ...” (Gen 1,1).
– Auch das Evangelium von Johannes beginnt mit Worten: „Am Anfang war das Wort [der Sohn-das Wort] ...” (Joh 1,1).
Unabhängig davon, die Worte des Neuen Testamentes bringen die Offenbarung der Tatsache bei, dass Schöpfer der Welt – und des Menschen – Er selbst ist, der Sohn Gottes, das Gottes-Wort-der-Sohn, der – als „die Fülle der Zeit gekommen war” (Gal 4,4) – der Menschen-Sohn aus Maria, seiner Jungfräulichen Mutter, werden wird:
„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott [beim Vater], und Gott war das Wort ...
Durch Dieses [WORT] ist alles geworden und ohne Es ward nichts von dem, was geworden ist ...
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater...” (Joh 1,1-3.14; s. auch: Kol 1,15f).
Wir kehren zu den ‘Scheidungsbriefen’ zurück. Jesus war es schwer noch offensichtlicher auszudrücken, dass Gott – nicht aber ‘was’ anderes, noch ‘jemand’ anderer, Schöpfer ebenfalls der Ehe ist. Denn gerade um der Ehe willen – obwohl nicht ausschließlich zu diesem Zweck – hat Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen.
– In Folge der erwogener Wahl vonseiten Zweier Menschen: eines Mannes und einer Frau, auch dieser erst Ersten, sollen sie fähig werden, „seinen Vater und seine Mutter zu verlassen”, um jemandem bestimmten des gegenteiligen Geschlechts zu anhängen und ein „Zwei-zu-Einem-Fleisch” zu bilden. Darauf beruht gerade die Ehe: der lebenslange Bund von Liebe und Leben.
Um jeden irgendwelchen Zweifel auszuschließen, dass die Ehe von Gott erschaffen und als Institution von Gott gegründet worden ist, fügt der Sohn Gottes mit Anwendung seiner definitiven Autorität hinzu: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen” (Mk 10,9). Der Sohn Gottes stellt hier fest, das die Ehe an sich Institution Gottes – und nicht menschlicher Herkunft ist. So ist die Aussagekraft des letzten der angeführten Sätze: „Was aber Gott verbunden hat ...” (Mk 10,9)
Jesus Christus bringt hier den Zuhörern beinahe grell zum Bewusstsein, dass sich mit dem Band des ehelichen Bundes offensichtlich diese Zweien binden. Und dass parallel dazu, der ‘Erste Erste’, der diese Zweien verbindet, Gott ist. Er ist es, der den von diesen Zweien ausgedrückten Willen annimmt – und ihr eheliches Einverständnis [Konsens] als letztliches und von nun an unwiderrufliches besiegelt: „Was aber Gott verbunden hat ...”
Es gehört sich einmal mehr, sich die Aussagekraft dieser schlichten, unbestreitbaren Worte zum Bewusstsein zu bringen. Die wesentliche Rolle spielt hier dieser Umstand, dass diese Worte vom Erlöser des Menschen ausgesagt worden sind, also dem Fleischgewordenen Sohn Gottes: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen” (Mk 10,9).
In dieser Situation drängt sich nur noch diese Reflexion auf: was haben in solcher Lage noch irgendwelche menschlichen Gerichte zu sagen, wenn sie den Mut fassen, den Beschluss bezüglich der Annulierung einer gültig geschlossenen Ehe zu treffen? Wenn sie Ehescheidungen durchführen, wenn sie ‘staatlich’ immer andere, weiterfolgende Bände sanktionieren, die nach Christi Worten von vornherein „Ehebruch” darstellen? Das Wort Gottes „bleibt – in Ewigkeit”. Unabhängig davon, ob es jemand anzunehmen mag oder nein, eventuell es selbst entschieden zurückweist; ob jemand an Gott glaubt, oder nein – existiert Gott nicht infolge der ‘Gnade’ der menschlichen Akzeptation seines Daseins ...

b. Konstitutive Eigenschaften der Ehe ‘von Anfang an’ |
Die Worte Jesu Christi bestätigen nicht nur die Tatsache, dass Gott Schöpfer auch der Ehe ist, sondern ebenfalls ihrer konstitutiven Eigenschaften. Sie decken sich damit, was wir oben als ‘vorgefundene’ Eigenschaften der Ehe genannt haben (s. ob.: Vorgefundene Komponenten der Ehe und Familie). Zu Konstitutiven Elementen der Ehe, ohne die also es eine Ehe nicht geben würde, müssen vor allem die folgenden Eigenschaften gerechnet werden, die offenbar alle aus Gottes, nicht des Menschen Gründung hervorwachsen.
Die Ehe ist aus Gottes Gründung ihrem Wesen nach unauflöslich.
Nicht weniger deutliche, aus Gottes Gabe und Gründung erforderte Eigenschaft der Ehe, ist die eheliche Liebe. Es geht um Liebe in ihrem dynamischen Person-Gabe-Sein-‘für’ diesen anderen: die Person des gegenteiligen Geschlechts, und der beiden Ehegatten zusammen zu den im Laufe der Zeit erscheinenden ihren Kindern, und so, der Reihe nach, zu jedem anderen Menschen.
Weitere, unabdingbare Eigenschaft der Ehe, wie sie aus Gründung des Schöpfers selbst herkommt, ist die Treue der einmal sich gegenseitig und Gott gelobenen Liebe.
An die Eigenschaft der Treue in ehelicher Liebe beziehen sich eindeutig die Worte, die Jesus gesondert – im Kreis allein der Jünger geäußert hat. Sie wollten die Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, deren sie Zeugen waren, zusammenfassen. Jesus stellt in einer keinen Zweifel zulassenden Art und Weise fest, dass die Treue und Unauflöslichkeit der Ehe konstitutive Eigenschaften der Ehe bilden:
„Zu Hause befragten Ihn die Jünger noch einmal darüber [Frage der Scheidungsurkunden nach ‘Mose’: Dtn 24,1-4]. Er erklärte ihnen:
‘Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, bricht ihr gegenüber die Ehe.
Und wenn eine Frau ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, bricht sie die Ehe’ ...” (Mk 10,11f).
Fast dieselben Worte gebraucht Matthäus, der über dieselbe Auseinandersetzung auf seine Art berichtet:
„Wer seine Frau entlässt – außer wegen Unzucht [sollte sich die Frau als schon verheiratete erweisen; bzw. es geht um Separation] – und eine andere heiratet, bricht die Ehe.
– Und wer eine entlassene zur Ehe nimmt, begeht Ehebruch” (Mt 19,9; s. Mt 5, 32).
Es gehört sich wiederholt zum Bewusstsein zu bringen, dass hier nicht irgendein Mensch spricht, es ist nicht der Papst, noch ein Geistlicher, noch die ‘Kirche’.
– Im hier, in diesem Augenblick sprechenden Jesus Christus, ist Gott persönlich Erlöser des Menschen geworden.
– Es ist zugleich der Göttliche Bräutigam-vom-Kreuz. Er hat sich mit der Kirche und der ganzen Menschenfamilie vermählt, als Er auf diese Art und Weise: am Kreuz – die höchst radikale Gabe seiner Selbst geworden ist. Um diese Seine, über das eigene Leben Geliebte – zu heiligen und bewirken, dass sie „nicht mit Flecken oder Runzeln oder dergleichen [vor Ihm stehe] ..., sondern heilig und makellos” (Eph 5,27). Siehe da die Liebe Gottes, die Liebe zugleich des Gottes Sohnes. Um den Preis des eigenen Lebens, getragen von Liebe als Gabe seiner Selbst in seiner Ganzheitlichkeit, beschert Er als Gott-Mensch die seine Kirche und jeden Menschen mit ewigem – Leben.
– Dadurch, dass Er „seinen Leib hingegeben hat und sein Blut ausgegossen hat – zur Vergebung der Sünden” (Lk 22,19f; Mt 26,28), zeigt der Menschen-Sohn zugleich, was das heißt: eheliche Liebe-als-Gabe. Und noch wie Gott die Treue dem Wort, das Er Einmal seinem Lebendigen Ebenbild gesagt hat, begreift und sie erlebt:
| „Du Meine Braut! Du Meine! Du über mein Leben Geliebte: Ich liebe Dich! |
| Wirst Du – Mich: den Gekreuzigten – annehmen? Wirst Du Mich mit erwiderter Liebe ... lieben”? |
Der Göttliche Bräutigam – verlässt seine Kirche nie. Noch mehr: die in der Kirche alle Jahrhunderte hindurch begangenen Sünden, dazu noch die Sünden und Verbrechen, die von jedem Menschen: Mann und Frau begangen werden, heißen Ihn dieser ‘untreuen Braut-Ehefrau’ nicht nur keine irgendwelche gleichsam „Scheidungsurkunde” einzuhändigen (siehe die kräftigen Worte betreffs des Scheidungsbriefes, den Gott Israel scheinbar einhändigen sollte: Jes 50,1). Im Gegenteil, die Sündhaftigkeit seiner – doch „vor der Gründung der Welt” (Eph 1,4) Geliebten, heißt Ihn um der Treue willen dem eigenen Wort gegenüber, diesem einmal gesagten: ‘Ich liebe’ – alle Schritte zu unternehmen, die Gabe des eigenen Lebens und eigenen Blutes nicht ausgenommen, um diese Befleckte, infolge ihrer Sünden zur Abscheulichkeit gebrachte, unwürdige – doch weiter Braut, zu erretten und ihr von neuem den Weg zum „Haus des Vaters’ (vgl. Joh 14,1-4.6) zu bahnen. So ist die Liebe Gottes (vgl. FC 12). Gott ist Liebe-Leben in ganzem Ernst dieses Wortes.
Als Schöpfer der Ehe konnte Er die Ehe nicht anders gestalten, als allein als unveräußerlich treu und un-lösbar. Allen menschlichen Sünden und Versuchungen zuwider, von denen die Menschen zunichte gebracht werden. Denn auch Er selbst hält an der Treue – die Er dem Menschen ‘geloben’ hat: Mann und Frau, entgegen aller ihrer Untreue:
„Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen – und die Hügel zu wanken beginnen,
Meine Liebe wird nie von dir weichen – und der Bund Meines Friedens nicht wanken, spricht Jahwéh [der Herr], der Erbarmen hat mit dir” (Jes 54,10; s. dazu: EL 196).

B. EHELICHE KOMMUNION IM ZUSTAND DER URPSRÜNGLICHEN |

1. Erschaffung des Menschen im Zustand der Gnade |

a. Ehe als Sakrament der Schöpfung |
Damit ist die Theologie der Ehe der Lage „des Anfangs ...” (Mt 19,4.8) gar noch nicht zu Ende. Eine ehrliche Wertung des ‘Anfangs’, wie wir ihn aufgrund der Offenbarung der Heiligen Schrift kennen, heißt zum Schluss zu kommen, dass die Ehe – samt der Erschaffung des Menschen: Mann und Frau, Ur-Gegenstück im Alten Testament dieser Wirklichkeit geworden ist, wie die Ehe im Neuen Testaments werden wird: eines der Sieben Sakramente der Kirche Christi. Noch mehr, indem es noch keine anderen Institutionen gegeben hat, muss angenommen werden, dass die Ehe ein eigenartiges und einziges Ur-Sakrament der Schöpfung überhaupt gewesen war. In Form einer weiten Analogie dürfte gesagt werden, seine Rolle könnte eigenartig beinahe mit dem Sakrament der Heiligen Taufe in der Kirche Christi vergleichen werden. Sie war nämlich der Tor, durch den lange Tausende Jahre hindurch der bedeutende Teil der gewöhnlichen und außergewöhnlichen Hilfen durchgedrungen ist, die der Schöpfer für die ganze Menschenfamilie vorbereitet hat. Diese sollte doch vom Leben-spendenden Weinstock herauswachsen. Er war von Anfang an mit dem Segen der Fruchtbarkeit bereichert (Gen 1,28).
Gerade auf solche Weise, als „ur-erstes Sakrament der Schöpfung”, bezeichnet die Ehe in seinen Erwägungen Johannes Paul II (s. z.B. EL 213f). Das aber setzt voraus, dass die Ehe im Augenblick ihrer Erschaffung zur über-natürlichen Wirklichkeit erhoben worden ist: zum Niveau der Gnade. Es konnte nicht anders sein. Die Berufung zur Wahl des Ehelebens, das Mann und Frau in der Weile ihres Herausrufens vom Nicht-Dasein eingehändigt worden ist, konnte unmöglich nicht „heilige – und heiligende” Wirklichkeit darstellen (vgl. FC 51). Die Ehe sollte doch die grundlegende Aufgabe erfüllen: sie sollte Versichtlichung, d.h. Übertragung in die menschliche Wirklichkeit vermittels der bräutlichen Beziehungen unter Ehemann und Ehefrau – dieser Glut der Liebe sein, mit der Gott zum Geschöpf seiner Vor-Liebe lodert. Zu gleicher Zeit sollte die Ehe sowohl diese Zweien, wie auch die ganze Menschenfamilie zu immer wieder erneuerter, gegenseitiger Unternehmung des Bundes von Liebe und Leben mit dem Schöpfer mobilisieren. Worte Johannes Paul II.:
„... In diesem Ausmaß [der Mensch: Ebenbild Gottes, der Person-Gabe ist. Gott wurde sichtbar gemacht u.a. auch durch die Männlichkeit-Fraulichkeit-Nacktheit der ursprünglichen Unschuld] konstituiert sich jenes ursprünglichste Sakrament. Das ‘Sakrament’ verstehen wir als Zeichen, das das urewig in Gott verborgene – unsichtbare Geheimnis in die Sichtbarkeit der Welt wirksam überträgt. Es ist Geheimnis der Wahrheit, der Liebe, Geheimnis des Lebens Gottes, an dem der Mensch die reale Teilhabe erhält ...” (ML 150; der Verweis an die angeführte deutsche Übersetzung zeigt nur die Stelle an, wo der Text übersetzt sein sollte; doch leider, diese Übersetzung erinnert des Öfteren nicht einmal von weitem den eigentlichen Gedanken des Papstes).
Die hier dargestellte, eigenartige Konklusion der alttestamentlichen Sicht der Ehe verlangt nach gründlicher Analyse. Zu ihr führt uns selbst schon das Gottes-Geschriebene-Wort. Es wirft auf so mancher Stelle sowohl des Alten Testamentes, wie um so mehr des Neuen Testamentes, eine zuerst vielleicht nicht voll wahrgenommene, und doch bei ruhigem Anschauen ergreifende Vertiefung über den Ur-Anfang der Erscheinung des Menschen und seine Berufung „von Anfang an” ebenfalls zur Ehe – offenbar als Gottes Institution, die heilig ist und heiligt. Um noch besser die Gesamtheit der feingestalteten biblischen Aussagen zu bewerten imstande zu sein, die offenbar auch die Ehe umgreifen, ist es angebracht, dass wir noch einmal auf die Erschaffung selbst des Menschen zurückgreifen: – ab sofort als Mann und Frau.

b. Jahwistische Darstellung der Erschaffung des Menschen in Gnade |
Schon der ‘Jahwistische’ Bericht über die Erschaffung des Menschen außerhalb des Gartens Eden [Gen 2; Bericht aus der frühen Geschichte Israels, vielleicht 11.-10.Jh. vor Chr.] und seine erst nachher erfolgende Übertragung ‘in’ diesen Garten, den Ort, der allein für Jahwéh [den Herrn, Gott] und sein nächstes Gefolge [die Engel; vgl. Gen 3,24] vorbehalten war, zeugt von einem Ereignis, das sich ‘mittlerweile’ abgespielt hat, für dessen Beschreibung aber der Biblische Verfasser keine entsprechende theologische Bezeichnung finden konnte. Demzufolge stellt er es nur auf meritorische Art und Weise dar [dem Inhalt nach]. Und zwar er beschreibt die Formung des ersten Menschen, gleichsam sie in chronologischer Zeitfolge stattgefunden hätte, trotzdem er sich mit solcher Art der Berichterstattung nur als literarischem Trick bediente, um mehr augenscheinlich die Wirklichkeit darzustellen, die sich auf ontischer [die das Sein des Menschen betraf] und Geistiger Ebene abgespielt hat. Er stellt fest, dass ‘zwischen’ dem Akt der Erschaffung des ersten Menschen außerhalb des Gartens, und seiner „Übertragung” von Jahwéh-Elohim [dem Herrn, Gott] in den Garten Eden (Gen 2,8.15) sich eine alles übersteigende Tatsache ereignet hat. Ihr zufolge ist es dazu gekommen, dass sich der Mensch daselbst dort gefunden hat, wo ihn die „Liebende Allmacht des Schöpfers’ (DeV 33) haben wollte: im Innen des Gartens Eden.
So ist es dem Biblischen Verfasser gelungen, die Erhöhung des Menschen zum Zustand des übernatürlichen Lebens meisterhaft darzustellen. Die Bildung des ersten Menschen in ‘reiner’ Natur lokalisiert er außerhalb des Gartens Eden, also im ‘Ort’, der mit dem Zustand der Gnade (heiligmachenden) – nicht umfangen ist. Erst so wird der geformte erste Mensch übertragen [im logischen Sinn, nicht chronologisch begriffen] – selbstverständlich durch Jahwéh-Elohim [den Herrn, Gott] selbst, in den Garten der Gnade, d.h. der unmittelbaren Nähe Jahwéh. Erst hier wird sich ein voller Freude und Frieden, liebender Dialog entwickeln können zwischen dem Menschen und dem Schöpfer, der – indem Er ihn „zum Dasein ‘aus’ Liebe gerufen hat, hat Er ihn zugleich ‘zur’ Liebe berufen” (FC 11).
Die Erhebung zum Zustand der heiligmachenden Gnade schon im Akt selbst der Erschaffung der Menschen [eine unwahrscheinliche Gabe, die kein Erfordernis der Natur des Menschen darstellt] war Voraussetzung, dank der das eigenartige Niveau von ‘Gleichheit’ [in Ordnung der Gnade] zwischen dem Menschen – und dem Schöpfer entstehen konnte. Dank dieser ‘Gleichheit’ wird sich von nun an die Kommunion von Leben und Liebe einerseits zwischen Mann und Frau und dem Schöpfer gestalten können, der sie nämlich „in seiner großen Liebe ... geliebt hat” (Eph 2,4). Anderseits wird die Ebene der Gnade diesen beiden es möglich machen, dass sich eine ‘Sakramentale’ Kommunion von Liebe und Leben unter ihnen Zweien gestalten werden kann – sowohl als Ehegatten, wie auch die Liebe zu anderen Leuten, die ebenfalls Lebendiges Ebenbild Gottes sind.
Der Hl. Paulus wird einmal präzisieren, dass die Beschenkung des Menschen mit Berufung zum Leben der Gnade, gleichbedeutend mit dem Ruf zum ewigen Leben – im Sohn Gottes, Jesus Christus, erfolgt war. Das setzt offensichtlich voraus, dass dem Menschen das Geheimnis des intimen Lebens Gottes als Allerheiligsten Dreifaltigkeit in ihrer immerwährenden Kommunion der Drei Gottes Personen offenbart worden ist. Dieses Geheimnis hat das Alte Testament noch nicht gekannt, auch wenn Gott dem Menschen von Anfang an immer wieder signalisierte, dass Er Dreifaltigkeit seiner Personen ist. Der Hl. Paulus stellt fest, dass der Mensch „‘von Anfang an’ im ... Sohn [Wort-Sohn] zur Gnade und Herrlichkeit” gerufen worden ist (DiM 7d; vgl. Eph 1,6). Daselbst wird der Mensch: Mann und Frau – „von Anfang an” unabtrittbar und unveräußerlich zum Ewigen – Leben im „Haus des Vaters” gerufen (Joh 14,2). Das wird den vollen Ausbau dieses „Lebensodems” darstellen, den Jahwéh-Elohim [der Herr, Gott] im Augenblick seiner Erschaffung-Formung „in seine Nase gebliesen hat” (Gen 2,7), sollten wir die Sprache des biblischen Autors der Jahwistischen Überlieferung anwenden [es ist also Überlieferung aus sehr frühen Zeiten der Geschichte Israels: vielleicht vom 11.-10. Jh. vor Chr.]. Dieser Autor stellt die Erschaffung des Menschen sehr plastisch dar: als seine ‘Lehmformung’, wobei er mit „Lebensodem” beschenkt worden ist (s. ob., Anthropomorphismus: Bericht von Gen 2,7).

c. Priesterlicher Bericht von der Erschaffung des Menschen: |
Auf seine Art drückt denselben Inhalt aus in ein paar Jahrhunderten später [vielleicht ca. Mitte des 6.Jh. vor Chr.] der Biblische Autor, der die sog. ‘Priesterliche’ Überlieferung der Schöpfung der Welt und des Menschen repräsentiert (Gen 1). Diese Beschreibung ist Ausdruck schon weit vorangeschobener theologischer Reflexion über das Wort Gottes mit Bezug auf die Welt und den Menschen. Sie stellt die Entstehung des Menschen in sehr feierlichem Stil dar, theologisch genommen – mit sehr präzise angewendeten Worten. Der Mensch ist – nach seiner im Heiligen Geist inspirierten Definition, „Ebenbild Gottes”. Zu gleicher Zeit hebt er mit ungemeinem Nachdruck die Tatsache hervor, dass eben dieser Mensch ‘erschaffen’ worden ist, nicht aber Schöpfer ist, auch wenn er als Gottes Ebenbild und Ähnlichkeit Gottes erschaffen wurde (Gen 1,26):
| „Elohím [hebr.: Gott] schuf also den Menschen als sein Ebenbild; als Ebenbild Elohím [hebr.: Gottes] schuf Er ihn: Als Mann und Frau schuf Er sie” (Gen 1,27) |
Erhoben zu werden bis zur Ebene des Ebenbildes Gottes selbst ist was völlig unwahrscheinliches: das übersteigt alle Vorstellungen. Wir müssen uns dabei bewusst bleiben, dass hinter dieser Bezeichnung-Definition eine ungemein intensive Wirkungskraft des Charismas der skripturistischen Inspiration dahintersteht. Man kann hier gleichsam unmittelbar die Einwirkung des Heiligen Geistes berühren. Er führt den biblischen Autor zu solcher, und nicht anderen Fassung dessen, was er aus Gottes Offenbarung verstanden hat.
Diese Bezeichnung zieht nicht nur Schlüsse anthropologischer Art [Mensch als Mensch: Person] nach sich, sondern um so mehr auch theologische. Es handelt sich hier nämlich um die Beschenkung des Menschen bei seiner Erschaffung – des Menschen deutlich als Mann und Frau – nicht nur mit personalem Existieren [anders könnte der Mensch keineswegs ‘Ebenbild’ dieses Gottes sein, der Person – ist], sondern zugleich auch mit der Gabe und Berufung zur „Heiligkeit und Makellosigkeit”, die im Rahmen der Schöpfung die Heiligkeit und Makellosigkeit des Schöpfers in seiner unbegreiflichen Liebe zu seinem Lebendigen Ebenbild angesichts des Kosmos widerspiegeln sollen.
– Gerade darüber wird einmal der Hl. Paulus in seinem Brief an die Epheser schreiben. Es ist klar, Paulus kann über die Ereignisse vom „Anfang”, d.h. der Erschaffung der Welt und des Menschen – nicht anders schreiben, als nur von der Perspektive aus der mittlerweile schon vollbrachten Erlösung des Menschen in Jesus Christus. Paulus ist einer der Kronzeugen seiner Vollendung. Die Gabe solcher, voller Deutung der Gesamtheit der Offenbarungsgeschichte hat der Erlöser selbst des Menschen angesagt und verwirklicht sie beständig (s. die Worte Christi direkt vor seiner Himmelfahrt – mit Bezug auf das Verständnis der ‘Schriften’: Lk 24,45). Daher schreibt Paulus im Aufschwung einer freudevollen Verwunderung angesichts der unbegreiflichen Liebe des Vaters und des Sohnes, und des Heiligen Geistes – aus der Zelle seiner ersten Gefangenschaft in Rom (Jahre 61-63 nach Chr.), am Anfang seines Briefes an die Epheser, als er von der Berufung des Menschen von Anfang an zur Gnade zu sprechen beginnt:
„Denn in Ihm [im Gottes Sohn, unserem Herrn Jesus Christus] hat Er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig seien vor seinem Angesicht ...” (Eph 1,4).
Wichtig für uns sind hier die Worte betreffs unserer Erwählung: Erwählung des Menschen sich – schon „vor der Erschaffung der Welt” (vgl. auch z.B.: Jer 1,5). Diese Erwählung betrifft ausnahmslos jeden Menschen im Augenblick seiner Erschaffung. In der erwähnten ‘Erwählung’ handelt es sich um die Berufung des Menschen zur ethischen Verhaltensweise, die Auge zu Auge angesichts der Heiligkeit und Makellosigkeit Gottes selbst stehen bleiben kann. War so das „Wohlgefallen ... des Willens” (Eph 1,5.9) Gottes des Vaters, bedeutet das, dass SO, d.h. erhoben zum Niveau des Lebens, das der Heiligkeit-Makellosigkeit entspräche, auch schon der erste Mensch war, von dem beide Berichte des Genesisbuches über die Erschaffung des Menschen erzählen (Gen 1,26f; und Gen 2,7.21f).

2. Gottes Gabe – berufen Gabe-zu-sein |

Johannes Paul II. sieht Gott, den Schöpfer des Weltalls, und danach des Menschen: Mann und Frau – charakteristisch nicht als ausgerechneten ‘Ingenieur’, noch einen abstoßend ‘kalten Schöpfer-Absolut’, sondern in seinem engagiertem Wirken, das aus inbrünstiger, mit erfreuter Verliebtheit sprühender Liebe fließt. Durch dieses Wirken wächst Gott gleichsam außerhalb von sich selbst und erschafft, indem Er selbstlose Person-Gabe für sein Geschöpf wird. So ist die Dynamik – nicht aber eine leblose Statik der päpstlichen Theologie und der mit ihr parallel einher gehenden personalistischen Anthropologie. Die so begriffene Erschaffung bedeutet konkret eine radikale Beschenkung mit Anteilhabe daran, Wer Gott selbst ist: der Fülle seiner lebendigen Liebe und Fülle seines lebendigen Lebens. Da aber Gott – Drei-Einig ist [auch wenn der Mensch darüber deutlich erst in der Periode der „Fülle der Zeit”: Gal 4,4 – erfahren hat], wird es sich darum handeln, das Geschöpf-die-Gabe zur Anteilhabe am Leben der ganzen Allerheiligsten Trinität zuzulassen. Diese ist aber eine große Kommunion der Drei Gottes Personen ihrer einzigen Gottheit. Johannes Paul II. sagt:
„Von Ihm [Gott, der Leben gibt] empfängt jedes Wesen, das in irgendeiner Weise am Leben teilhat, proportional zu seinen Fähigkeiten das Leben” (EV 84).
Vor dem Menschen breitet sich eine verwundernde Perspektive und zugleich Chance aus: am ‘Leben des Dreieinigen Anteil’ zu bekommen und ihn als Gabe zu haben! Mit solcher ‘Teilhabe’ wird schon die leblose Materie bereichert. In bedeutend höherem Grad erhält Anteil am Gottes Leben und Liebe die Pflanzenwelt. Noch höheren Grad der Teilhabe am intimen inneren Leben und Liebe Gottes erhält die Welt der Tiere – in ihrer ganzen, unermessbaren Unterschiedlichkeit. Aber selbst die am meisten entwickelten ‘Herrentiere’ werden zur Würde, Person-zu-sein, nicht erhoben. Die Eigenschaften: Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Verantwortung – bilden die nie zu übertrittbare Barriere, die das ganze übrige Geschöpf vom Menschen-Geschöpf scharf unterscheidet.
Ganz besonderes, mit nichts anderem vergleichbares Gottes Erschaffungswerk in seiner ergriffenen, freudevollen Liebe, die mit Leben beschenkt – ist das Hervorrufen zum Existieren des Menschen in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit. Allein der Mensch ist dieser eigentlich ‘Beabsichtigte-Gewollte’ im Weltall. Nur ihn hat Gott wirklich gewollt und erschaffen als einen – Jemanden: Person. Im Gegenteil, alle übrigen Wesen werden lediglich ‘instrumental’ erschaffen-beabsichtigt. Ihr Zielzweck beruht darauf: die Rolle eines ‘Nestes-Hauses’ für den Menschen zu bilden. Ein ‘Nest’ offenbar nach dem Maß der Liebe und Reichlichkeit Gottes (s. ob.: Gottes Zweck beim Werk der Erschaffung – und darauffolgende Erwägungen).
Nur den Menschen will-beabsichtigt Gott wirklich „um seiner Selbst willen” [für ihn: ihn als Menschen] (GS 24). Gott will ihn haben: Mann und Frau – angesichts Seiner und mit Sich selbst. Gerade deswegen wird für ihn Er selbst zur selbstlosen Person-Gabe. Er schiebt dieses Gabe-Sein für den Menschen – wie es sich zeigen wird – bis zu letztlichen Grenzen voran (vgl. Joh 13,1). Gott wird für den Menschen: Mann und Frau auf solche Art und Weise gerade deswegen handeln, dass indem Er selbst Gott-Gabe wird, ihn zur Gabe „um seiner Selbst willen” machen wird: Gabe, die zur Würde der Person erhoben werden wird. Gott wünscht für ihn das eine: dass es ihm gut sei. Nicht vorübergehend, sondern für ewig: im Ewigen – Leben. Gott gewährt dem Menschen die Chance, in der ihm angebotenen Perspektive aufzuwachsen als „Subjekt des Bundes und Partner des Absoluten” (ML 28).
Es schwindet von unserem Geist und Herzen nicht das – intensive Aufmerksamkeit erfordernde Wort des II. Vatikanischen Konzils, dessen Autor sehr wahrscheinlich der damalige Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla war, der künftige Johannes Paul II., der jedenfalls gerade dieses Wort sehr gern angeführt und gedeutet hat:
„... Der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist [Gott will den Menschen selbstlos: dass er SEI], kann sich vollkommen nicht anders finden, als nur durch die selbstlose Hingabe seiner Selbst” (GS 24).
Der Mensch beginnt infolge der erschaffenden Tätigkeit Gottes zu existieren [des Aktes seines liebenden Willens]. Und zwar Gott, der selbst – uneigennützige Person-Gabe ist, beschenkt den Menschen in selbem Augenblick mit besonderer Gabe: Person-zu-sein. Im selben Augenblick beginnt der Mensch Anteil zu haben am Leben und der Liebe der Gottes Personen. Diese aber leben in unvorstellbarer, ergreifender Kommunion ihrer Drei Personen, die sich immerwährend gegenseitig als Gabe hingeben und annehmen.
– Die Entstehung des Menschen als der ihm geschenkten Gabe: Person-zu-sein, wird für ihn aus diesem Grund selbst gleichbedeutend mit der uns schon gut bekannten biblischen Bezeichnung: seiner Erhöhung zur Würde des Lebendigen Ebenbildes Gottes in seiner Personen-Kommunion. Diese leben aber, wie wir es uns dauernd zum Bewusstsein bringen, aus der Glut ihres niemals löschenden Liebe-Gabe füreinander zu sein, aber auch aus allem ‘Herauswachsen-außerhalb-von-sich-Selbst’ über das Werk der Erschaffung und Erlösung.
Das bedeutet aber, dass der Mensch aufgrund seines Seins allein [ontologisch] Gottes Ebenbild nicht anders sein kann, als indem jetzt er selbst, der Reihe nach, Person-Gabe ‘für’ wird. Das kann nur nach dem Gottes Ur-Muster für den Menschen geschehen: Gottes als Person-Gabe. Gabe-zu-Sein wird im Fall des Menschen: Mann und Frau, einerseits seinen Ausdruck in der Hingabe seiner Selbst Gott als Gabe finden, und anderseits muss es sich in Form einer nicht abnehmenden selbstlosen Hingabe den Nächsten zugute als Person-Gabe äußern. Auf ganz besondere Art und Weise wird es selbstverständlich Zwei Personen betreffen, die füreinander eheliche Kommunion geworden sind
Die bewusste Aufschließung von Mann und Frau für Gott, der für sie Gott-die-Gabe wird, wobei Er sie – sowohl Eheleute, wie Personen die mit dem Ehebund nicht gebunden sind, mobilisiert, dass sie von Weile zu Weile Person-Gabe-‘für’ werden, ist Kennzeichen, dank dem der Mensch die ganze übrige Welt der Materie und Tiere übersteigt. Kein Tier ist fähig, ‘Gabe’ für irgendjemanden zu werden. Die Annahme und Erwiderung der Person-Gabe ist Vorrecht des Menschen: Mann und Frau.
Dabei muss auch hervorgehoben werden, dass „nur die Person – lieben kann und nur die Person kann geliebt werden” (MuD 29), wie es unabänderlich Johannes Paul II. nachdrücklich betont. Zu lieben heißt aber – gerade Person-Gabe zu werden (vgl. FC 14). Dieses Merkmal: das Wesen der Liebe als Gabe, hat in seiner menschlichen und Gottes Sicht der Wirklichkeit Johannes Paul II. unermüdlich verdeutlicht und nachgewiesen. Dieses Kennzeichen erblickte er in immerwährender „Betrachtung des Antlitzes seines Bräutigams und Herrn” (NMI 1.5.15.16.17.20.23.25.28.42.49.58.59; Kontemplation des Antlitzes des Vaters, ebd., 32), d.h. Jesus Christus, des Erlösers des Menschen. Er erblickte es in den Tiefen des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst: Gottes, der für sein Geschöpf Liebe-Gabe wird.
Daher bleibt Mann und Frau nichts anderes übrig, als für den Alltag Gott zu widerspiegeln, der der Erste für die ganze Schöpfung, aber um so mehr für den Menschen: Mann und Frau – Person-Gabe wird, indem Er ihm die Teilnahme darin bietet, Wer Er selbst ist – als loderndes Liebe-Leben.
– Person-Gabe zu sein und es werden – bleibt offensichtlich allein dauernder Ruf, der an das Herz des Menschen ausgerichtet ist. Das Herz aber findet seinen geheimnisvollen Ausdruck im Gewissen, wo dauernd Wahlen zwischen Gut und Übel im ethisch-moralischen Sinn stattfinden, zwischen der Option für Leben oder für den Tod.
Zu gleicher Zeit ist das: Gottes Lebendiges Ebenbild-zu-Sein – das unabtrittbare und unverwüste, konstitutive Kennzeichen des Menschen. Der Mensch – Mann und Frau, kann in der Größe und Würde seines Gottes-Ebenbild-Seins beinahe bis ins Unendliche heranwachsen. So geschah es vor allem im Fall der Heiligsten Gottesgebärerin, Jungfrau Maria.
– Allerdings umgekehrt: die Größe und Würde des Gottes-Ebenbild-zu-Sein kann einer unvorstellbaren Befleckung und Verunstaltung erliegen – bis zum Verlust der Ebenbildlichkeit Gottes in ewiger Verdammnis einschließlich. Selbstverständlich, jeder der Verdammten Menschen in ewiger Verdammung bleibt weiter Gottes Ebenbild: leider Bild, das zur Schande des Nicht-Bildes herabgeführt worden ist, bzw. mehr präzise: der fixierten Beschmutzung der Würde der Ebenbildlichkeit Gottes – dadurch, dass es Ebenbild des Nicht-Gottes geworden ist, d.h. Satans.
Endlich gehört es sich in Weiterführung der Erwägungen Johannes Paul II. hervorzuheben, dass der Mensch: Mann und Frau, der zu existieren beginnt, weil sich ihm als Gabe Gott-die-Gabe-Person selbst dahingibt, niemals anders ‘Er Selbst’ wird, als nur indem jetzt er selbst, in Entgegennahme Gottes-als-Gabe, aber auch der auf sie gegebenen Antwort in Form gegenseitiger Liebe, uneigennützige Person-Gabe wird. Es gibt keine andere Möglichkeit, dass das Lebendige Ebenbild Gottes – Ebenbild Gottes-der-Gabe sein und bleiben kann, als nur indem es selbst uneigennützige Person-Gabe wird – in Nachahmung Gottes, des Ur-Musters für den Menschen.
Diese Feststellung verlangt nach intensivem Nachdenken. Jeder sieht aber ein, dass es für den Menschen keinen anderen Weg gibt, noch ihn geben kann, um ‘Er Selbst’ zu bleiben und „sich selbst” in ganzer Fülle seiner Freiheit zu finden. Sollte es dem Menschen in einer gewissen Weile nicht gefallen, Gottes Ebenbild zu verbleiben, würde er im selben Moment ‘Bild’ des Nicht-Gottes, also Abbild von Nicht-Liebe und Nicht-Leben. Der Mensch würde Abbild nur noch von Dingen, d.i. Geschöpfen. Von der Größe des Gottes Ebenbildes angesichts des Weltalls würde er auf das Niveau unterhalb aller übrigen Dinge-Geschöpfe herunterfallen (vgl. dazu u.a. BF 13.15.19). Offensichtlich: zu eigenem Unglück – Gott bewahre: für immer.
Diesen Gedanken hat auf verschiedene Weisen auch der Erlöser selbst des Menschen hervorgebracht, also Jesus Christus, sooft Er vom Suchen, bzw. Verlust des eigenen ‘Lebens’ gesprochen hat. Er hat dann auch, als Gott-Mensch, dieses sein Wort auf wörtlichste, schauderhafte Weise verwirklicht. Das geschah in Augen der gesamten Schöpfung, darunter vor allem des Menschen: Mann und Frau:
„Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren, wer aber das Leben um Meinetwillen verliert, wird es gewinnen” (Mt 10,39; s. ebd. v. 38; Mk 8,35; Mt 20,27ff; Mk 10,43ff; Joh 12,24f).
Der vertiefte Blick auf die Liebe, deren Wesen auf dem Person-Gabe-Werden beruht, wird Schlüsselglied für die weiteren Erwägungen über die Ehe als Sakrament. Sowohl vom Gesichtspunkt aus Gottes, wie auch des Menschen in in der Dualität seines „Fleisch-Seins’. Wir greifen mit Dank auf die dauernd aktuellen Erwägungen Johannes Paul II.:
„Der Mensch, den Gott als ‘Mann und Frau’ erschaffen hat, ist Ebenbild Gottes, das ‘von Anfang an’ im Leib eingeprägt ist, wobei Mann und Frau gleichsam zwei unterschiedliche Arten darstellen, menschlicher ‘Leib in Einheit dieses Ebenbildes’ zu sein ...” (ML 116).
Es beginnt der Zusammenhang zu erscheinen, der zwischen dem Menschen als Ebenbild Gottes existiert – und seinem Ruf zum Gabe-Sein-‘für’. Der Mensch ist nicht allein ‘Geist’, noch allein ‘Leib’, sondern der untrennbar sich gegenseitig durchdringende Leib-Geist. So ist er vom Schöpfer „gewollt”: als Mann und Frau. Erst im gegenseitigen Verlassensein aufeinander von Mann und Frau ist der Mensch Ebenbild der Göttlichen Kommunion von Personen. Das bedeutet, dass die Visualität von Mann und Frau in ihren vielfältigen Beziehungen – im zivilen, soziologischen, familiären und bräutlichen Ausmaß – ein von Gott beabsichtigtes gleichsam Sprungbrett darstellt, dank dem das ergreifende Geheimnis der Kommunion der Gottes Personen verstanden werden kann. Verschiedenartige zwischenmenschliche Gemeinschaften, und ganz besonders die gegenseitigen Kommunion-Beziehungen, mit denen Eheleute verbunden sind, sollen aus Gottes Willen – offenbar nur aufgrund irgendeiner Analogie – dem menschlichen Verstand und Herz das Geheimnis der inneren Kommunion von Personen des Dreieinigen nahe bringen. Diese lodert aber mit Glut des immerwährenden gegenseitigen Hinschenkens ihrer Personen, ihrer Annahme, des sofortigen Wechsels der Personen-Gabe und neuerlichen Hingabe einander ihrer Personen als Gabe – der mit Leben sprühenden Liebe. Da aber die Liebe unmöglich ‘in sich selbst Platz finden’ kann, tritt sie an, ‘nach Außen’ zu strahlen. Schon im Altertum wurde bemerkt, dass das „Gute dann es Selbst ist, wenn man es schafft und mit anderen teilt. Zur Natur des Guten [der Liebe] gehört sein Mitteilen an andere (‘bonum est diffusivum sui’)” (BF 10; s. auch: DeV 37).
Wir beginnen besser zu verstehen, warum der Dreieinige – Schöpfer wird: des Menschen und der Welt, die für ihn erschaffen wird. Gott zerstreut mit Entzückung einer engagierten Liebe – Funken von Leben. Für den Menschen aber wird Er Person-Gabe, indem Er ihn zur Würde der Person, als sein Lebendiges Ebenbild in der Geistig-leiblichen Integralität seiner Männlichkeit und Fraulichkeit, beruft.

3. Ungetrübte Gerechtigkeit und ursprüngliche Unschuld |

Wir unternehmen von neuem den früher signalisierten Gedankengang: der Mensch – Mann und Frau, werden im Akt selbst ihrer Erschaffung in den Zustand der heiligmachenden Gnade erhoben. Diese Tatsache hängt mit gleichzeitiger Berufung des Menschen zum ewigen Leben im ‘Haus des Vaters’ zusammen. Erst so entsteht die Möglichkeit, dass ein von nun an nicht aufhörender Dialog zwischen Gott in seinem Person-Gabe-Sein – und dem Lebendigen Gottes Ebenbild in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit unternommen werden kann und sich weiter entwickelt.
– Anderseits, die Herbeiführung zum ersten Menschen der ersten Frau, in deren Anblick sich aus seinem Herzen und seinem Mund ein Schrei voller Entzückung ausgelöst hat wegen der erkannten Identität in selber menschlicher Natur, und zugleich „geheimnisvoll attraktiver Dualität” (ML 100) ihres Fleisch- und Mensch-Seins – wird zum Zeitpunkt, in der sich zwischen ihnen beiden ein Dialog bindet: ein von sofort an bräutlicher Dialog. Die Bräutlichkeit folgt aus beiderseitiger bewusster Wahl und dem beiderseitig ausgedrückten ehelichen Einverständnis. Die Tatsache der Wahl schließt die Handlungsweise aufgrund allein des Instinktes, eventuell um so mehr des Zwanges des Fleisches, aus. Die entstandene bräutliche Kommunion dieser beiden ist deutlich auf eheliches „Zwei-zu-Einem-Fleisch” ausgerichtet (Gen 2,24).
Es besteht kein Zweifel, dass diese ersten Zweien sich in ihrer „geheimnisvoll attraktiven Dualität” liebend angeschaut und umfangen haben. Es geschah zudem auf so reine Art und Weise, dass in ihrem Anblick keine Spur zu finden war von Verschmutzung mit Begehrlichkeit, d.h. mit Aneignungs-Geist. Das ereignete sich vor dem Fall in die „Sünde des menschlichen Anfangs” (vgl. DeV 35). Der Anblick dieser Zweien und die Gesamtheit ihrer psycho-somatischen Reaktionen sammelte sich zweifelsohne auf sich gegenseitig als Personen: beide sahen sich dauernd ganzheitlich an. Gerade das war Voraussetzung, dass sich zwischen ihnen beiden ein bräutlicher Dialog entfesselte. Es entstand die Kommunion von Gegenseitigkeit im uneigennützigen Person-Gabe-Sein-‘für’ diesen anderen. Dieser Dialog und dieses Person-Gabe-Werden-‘für’ diesen anderen entwickelte sich in einiger Analogie zum Geheimnis der inneren Beziehungen im Schoß des Dreieinigen, nach Dessen Ebenbild sich die zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten sollten.
Johannes Paul II. bemerkt, dass das Bekenntnis des ersten Menschen im Anblick der ersten Frau vom Geheimnis gleichsam der dualen Einheit der beiden in selber ihrer ursprünglichen Erschaffung als ‘Eines Menschen’ zeugt, das heißt der menschlichen Natur. Es geht selbstverständlich um den ‘ersten Menschen’ im metaphysischen, bzw. ontologischen Sinn [als das Sein], nicht aber im chronologischen Sinn. Es handelt sich also um die Erschaffung des Menschen als gleichzeitig sich gegenseitig durchdringenden Geistes-Leibes. Die Offenbarung Gottes belehrt nämlich nicht darüber, auf welche Art und Weise Gott Mann und Frau schuf. Sie garantiert dagegen mit Wahrheit der Offenbarung einzig die Tatsache, ‘dass’ der Mensch von Gott in der Dualität des Geschlechtes erschaffen worden ist, und dass er so Gottes Ebenbild und Ähnlichkeit bildet.
Aus diesem Einen Menschen kommen infolge des besonderen Eingriffes Gottes diese Zweien Ersten in verwundernder Dualität ihres Geschlechtes. Vom Geheimnis dieser ursprünglicher Einheit [im logischen Sinn; obwohl es vom biblischen Autor in anschaulicher Form – als chronologisches Ereignis dargestellt wird] zeugen nach dem biblischen Autor eigenartig die Worte des ersten Menschen – des Mannes mit Bezug auf das: „Gebein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch ...”. Johannes Paul II. sagt:
„... Mann und Frau, indem sie sich (in ehelicher Vereinigung) miteinander so enge vereinigen, ‘dass sie Ein Fleisch werden’, entdecken jedes Mal auf besondere Art von neuem das Geheimnis der Erschaffung. So kehren sie also zu dieser Einheit im Mensch-Sein (‘Gebein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch’) zurück, die sie sich einander erkennen und wie beim ersten Mal sich gegenseitig den Namen geben lässt.
– Das heißt diesen gleichsam jungfräulichen, ursprünglichen Wert des Menschen zu erleben, der aufgrund des Geheimnisses seiner Einsamkeit vor Gott und inmitten der Welt auftaucht. Die Tatsache, dass sie ‘Ein-Fleich werden’, bedeutet ein mächtiges Band, das vom Schöpfer gegründet wurde, durch das sie ihr Mensch-Sein in der ursprünglichen Einheit, wie auch in der geheimnisvoll attraktiven Dualität entdecken” (ML 100).
Der zweite Aspekt des Geheimnisses der Einheit der beiden in der Schöpfung selbst hängt noch enger zusammen mit dem ehelichen „Zwei-zu-Einem-Fleisch”. Und zwar, die-Frau-die-Ehegattin wird Mutter erst durch ihren Ehemann, und nicht anders. Johannes Paul II. drückt das folgender aus:
„... In jeder ehelichen Vereinigung von Mann und Frau wird aufs neue dieselbe ursprünglich vereinigende Empfindung des Sinnes des Fleisches in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit entdeckt. Der biblische Text weist gleichzeitig hin, dass sich bei jeder solchen Vereinigung gleichsam das Geheimnis der Schöpfung in seiner ganzen ursprünglichen Tiefe und lebenspendenden Kraft abbildet. ‘Genommen vom Mann’ wird die Frau als ‘Fleisch von seinem Fleisch’, jetzt – der Reihe nach, als ‘Ehefrau’ vom Mann vermittels der Mutterschaft genommen: als ‘Mutter der Lebenden’ [Gen 3,20]: denn auch ihre Mutterschaft hat in ihm ihren Ursprung. Die Zeugung ist in der Erschaffung verwurzelt und bildet gleichsam jedes Mal ihr Geheimnis nach ...” (ML 102).
Wie tief im Gottes Werk der Erschaffung wurzelt nach dem biblischen Autor die Männlichkeit und Fraulichkeit, die die „duale somatische [körperliche] Verfassung des Menschen kennzeichnet” (ML 97)! Die beiden sind bei ganzer Unterschiedlichkeit dem Köper nach in ihrer menschlichen Identität und Würde als duale Kommunion und Gemeinschaft absolut gleich. Sie ist geradeaus als Kommunion von Personen Lebendes Ebenbild Gottes, der der erste „Liebe – ist und in sich selbst das Geheimnis der personalen Kommunion von Liebe lebt” (FC 11). Die Offenbarung Gottes hat niemals irgendeinen Eindruck gleichsam einer Diskrimination der Frau mit Bezug auf den Mann und umgekehrt – entstehen lassen, noch wird es einmal tun.
Wichtig, dass bei der gegenseitigen Begegnung dieser beiden ersten – entschieden die Sicht ihrer einander als Personen überwiegt hat, auch wenn dieser Andere seine Person über den Leib in ganzer Offensichtlichkeit seiner Männlichkeit beziehungsweise Fraulichkeit offenbart hat. Johannes Paul II. hilft uns die ganze Zeit mit seinen tiefen Reflexionen:
„Das Geschlecht ist jedoch etwas mehr als eine geheimnisvolle Kraft der menschlichen Somatik [Leiblichkeit], die sich gleichsam nach Gesetzen des Instinkts betätigt. Auf der Ebene des Menschen und in wechselseitiger Beziehung der Personen bedeutet es immerwährend von neuem die Grenze der Einsamkeit des Menschen zu überschreiten, die in der personalen Konstitution des Leibes zum Ausdruck kommt und ihren ursprünglichen Sinn bildet. Diese Überschreitung kennzeichnet sich immer irgendwie mit der Übernahme als eigener – der Einsamkeit des Leibes des anderen ‘Ich’... ” (ML 100).
Die Betrachtung des Papstes knüpft direkt an die Aussage des Biblischen Autors an, der die Bildung der ersten Frau und die Begegnung dieser beiden im Paradies darstellt. Und zwar man kann unmöglich seine ungemeine, verwundernde Dazusage, nicht bemerken, deren Kommentar seiner Art die angeführten Worte des Heiligen Vaters darstellen. Es geht um das ganz einfache Bekenntnis des Biblischen Autors bezüglich der Nackheit dieser Beiden Ersten:
„Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt. Und doch sie brauchten sich voreinander nicht schämen” (Gen 2,25).

4. Quellen der Kenntnisse des Biblischen Autors |

Das gerade angeführte Wort des Biblischen Autors berichtet über den ursprünglichen Zustand des Menschen in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit. Es kommt spontan die Frage auf: Wie ist der Biblische Autor – ob ein einzelner, oder vielleicht ganze Generationen von Gottes Männern, deren allmähliches Eindringen in die Wahrheit der Offenbarung vom Heiligen Geist, der „in das Verständnis der Wahrheit der Offenbarung einführt” (DV 8d; Joh 16,13) geleitet wurde, zu gerade so zum Ausdruck gebrachten Schluss gekommen ist?
Von vornherein müssen geschichtliche geschriebene Berichte über diese Tatsachen ausgeschlossen werden. Die Schrift existierte in der Zeit der Erschaffung des Menschen noch nicht ...
Auch die mündliche Übermittlung kann in diesem Fall nicht seriös berücksichtigt werden. In späteren Epochen beschäftigten sich mit Übermittlung der mündlichen geschichtlichen und Stamm-Überlieferung grundsätzlich ‘berufstätige’ Narratoren. Eine so vermittelte mündliche Überlieferung könnte berücksichtigt werden, wenn die Vermittlung ein paar Jahrzehnte, im besten Fall selbst ein paar Jahrhunderte dauerte im Fall einer geschlossenen ethnisch-geografischen Gruppe, die dabei über einen Personenstab von Verantwortlichen für die sich gestaltende mündliche Überlieferung verfügte, die für ihre nicht entstellte Vermittlung sorgten. Allerdings niemand vernünftiger nimmt die Existenz einer unveränderlichen mündlichen Überlieferung über Tausende Jahre, und vielleicht Millionen Jahre des existierenden Menschengeschlechtes an.
Es ist auch schwer auf ein besonderes ‘Wunder’ der Vorsehung Gottes in dieser Hinsicht zu zählen. Gott vollbringt Wunder im Prinzip im Rahmen dessen, was menschlich gesehen wahrscheinlich ist. Das Volk Gottes der Zeitepochen vor der vollbrachten Erlösung verfügte über keine Analogie von irgendetwas wie das ‘Lehramt der Kirche’. Wie viel gibt es dabei ‘Sicherungen’ für seine Äußerungen im Rahmen der Kirche, die erst 2000 Jahre existiert!
In dieser Lage bleibt es anzunehmen, dass der Biblische Autor zu Daten betreffs des ursprünglichen Zustandes des Menschen auf Erden auf dem Weg der Göttlichen Offenbarung gekommen ist.
– Allerdings die aufmerksamere Beobachtung der Art und Weise, wie Gott seinem Volk diese oder jene Aspekte seiner Selbst als Wahrheit und seines Erlösungs-Vorhabens bezüglich des Menschen offenbart – immer durch einen besonders zu diesem Zweck erwählten Mann Gottes, heißt anzunehmen, dass die Offenbarung nicht auf Gottes ‘Diktieren’ von Einzelheiten im Bereich geschichtlicher, noch selbst theologischer Merkwürdigkeiten beruht. In seiner Offenbarung umfängt Gott mit Garantie der Wahrheit keine solchen Einzelheiten, die die menschliche Neugierigkeit befriedigen könnten – und nicht viel darüber hinaus [z.B. Merkwürdigkeiten aus der Astronomie, Mathematik, und selbst Geschichte usw. Sollte man so was selbst angenommen haben, erschiene gleich die nächste Frage: wie sollte die Ebene der mitgeteilten Einzelheiten sein? Sollte es für nicht ausgebildete Leute sein, oder auch nur für Ausgebildete Wissenschaftler nach dem Zustand der Wissenschaften z.B. des 21. Jahrhunderts nach Christus?].
Im Gegenteil dazu, Gott kann unmöglich nicht mit Sich als Wahrheit der Offenbarung die grundsätzlichen Tatsachen garantieren, die in irgendwelcher Weise an Gottes Vorhaben anknüpfen: die Erlösung des Menschen in Christus. Denn davon, ob die betreffenden Ereignisse stattgefunden haben (geschichtliche) oder nicht, wird der Glaube des Volkes Gottes aller Zeiten abhängen, und folgerichtig: die Erlösung des Menschen.
– Noch mehr, die Garantie Gottes als Wahrheit der Offenbarung umfängt in solchem Fall nicht nur Informationen vom Bereich des Dogmas und der moralisch-ethischen Verhaltensweisen, sondern ebenfalls vom irgendwelchen beliebigen Bereich der Wirklichkeit und des Wissens [es geht – philosophisch gesagt, um das ‘materielle’ Objekt der Vermittlung], inwiefern der betreffende Aspekt [‘materielles’ Objekt] mittelbar oder unmittelbar mit unserer Erlösung in Christus zusammenhängt [inwiefern er sich im Profil, d.h. im ‘formalen’ Objekt der Übermittlung befindet] (s. dazu u.a.: ks. Pawel Leks, SLOWO Twoje jest PRAWDA, a.a.O. 117-128.133-142.155-168.206-245. – Sieh auch schon ob., inhaltsgemäß ähnliche Erwägungen: Auf der Suche nach Jesus Christus – heute; und: Jesus Christus in der Stimme des ‘Petrus’).
Im Besonderen, Gott kann unmöglich mit Sich als Wahrheit-Treue seinem Erlösungs-Vorhaben gegenüber – die Tatsache nicht garantieren, ‘dass’ die Welt erschaffen worden ist; dass der Mensch erschaffen worden ist; dass der Mensch als Mann und Frau erschaffen wurde. Und ferner: ‘dass’ es die Probe auf die Qualität der Liebe des Menschen Gott gegenüber gegeben hat; dass der erste Mensch die Sünde begangen hat, indem er auf autonome Weise über Gut und Böse entscheiden wollte, über Leben und Tod. Und dass Gott sofort am Schlachtfeld der Niederlage des Menschen erschienen ist, indem Er die in Sünde Gefallenen emporgehoben hat und die Erlösung, samt dem Erlöser, versprach. Sollte sich irgendwas von diesen grundlegenden, ursprünglichen Tatsachen als nur ersonnene Erzählung erwiesen haben, Legende oder Mythos, würde der Glaube in der Leere hängen bleiben. Demzufolge: obwohl an so manche Hinsicht der Wahrheit der Offenbarung auch der Verstand gelangen kann [auf dem Weg wissenschaftlicher Untersuchungen, geschichtlicher o.dgl., wie z.B. die Frage der Existenz Jesu Christi, seiner Kreuzigung], werden diese – strikt geschichtliche Tatsachen, zu gleicher Zeit Gegenstand der Wissenschaft und Lehre, aber um so mehr des Glaubens. Nur dass sich der Glaube in solchem Fall der Gottes Gabe freut: der über-wissenschaftlichen Unfehlbarkeit.
– Auf seine Art äußert das einmal der Völkerapostel im Anschluss an die Auferstehung Christi des Erlösers:
„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt ...
Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seit immer noch in euren Sünden ...
Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen ...” (1 Kor 15,14-19).
Aus diesem Grund, außerdem gestärkt mit Garantie betreffs der korrekten Deutung des Gottes-Geschriebenen- und Überlieferten-Wortes, die wir aus Gabe Christi und des Heiligen Geistes durch das Lehramt der Kirche empfangen, können wir unmöglich – nicht als von Gottes Offenbarung herkommende die Tatsache – als geschichtliche, aber um so mehr theologische, empfangen: dass nämlich der erste Mensch, erschaffen in Unterschiedlichkeit als „zwei komplementäre Ausmaße des Selbstbewusstseins und der Selbstbestimmung, und zugleich zwei komplementäre Empfindungen um den Sinn des Leibes” (ML 98f), diese Dualität des Geschlechtes in ursprünglicher ‘Gerechtigkeit und Unschuld’ erlebt hat. So bezeichnet die Sprache der Theologie die Tatsache, dass der Erste Mensch: Mann und Frau, im Zustand der heiligmachenden Gnade erschaffen worden ist.
Zu gleicher Zeit verfügten diese Zweien über ein völlig reifes Bewusstsein um ihren Körper in seiner Männlichkeit und Fraulichkeit, seine Prokreationsmöglichkeiten nicht ausgeschlossen, die sich in unmittelbarer Folge ihres ehelichen „Zwei-zu-Einem-Fleisch” ergeben. Das heißt: im Fall dieser Zweien Ersten ist jede Infantilität und alle ‘sexuelle’ Aufklärung ausgeschlossen. Diese Zweien waren sich perfekt darum bewusst, dass sie infolge der gefällten gegenseitigen Wahl, dank dem „unwiderruflichen personalen Einverständnis ... Ehe-Bund geworden sind” (vgl. GS 48). Sie wissen auch ab sofort besten Bescheid, warum ihr Leib unterschiedlich ist. Sie sind sich bestens bewusst um den Sinn des ihnen dargeschenkten Körpers, d.h. seinen sowohl bräutlichen, wie ehelich-elterlichen Sinn. Daher hebt Johannes Paul II. hervor:
„Wenn die beiden sich so innig miteinander verbinden, dass sie Ein-Fleisch werden, dann setzt jene eheliche Vereinigung das reife Bewusstsein um den Körper voraus. Noch mehr: sie trägt in sich ein besonderes Empfinden um den Sinn dieses Körpers in gegenseitigter Hingabe der Personen ...” (ML 102).
Wir bemerken dabei deutlich, dass die Erhebung des Menschen in seiner Erschaffung selbst zum Zustand der heiligmachenden Gnade seine körperlich-Geistige Integralität betrifft. Sie umfängt also die Person des einen und anderen von ihnen in ganzer Augenscheinlichkeit ihrer Männlichkeit und Fraulichkeit, und nicht anders. Gott schuf den Menschen von Anfang an zur Kommunion von Personen: um füreinander uneigennützige Gabe-Person zu sein.
Die Bildung aber immer anderer zwischenmenschlichen Gemeinschaften, und auf ganz besondere Weise die Zusammenbindung Zweier Personen unterschiedlichen Geschlechts zur ehelichen Kommunion sollte von Anfang an eine eigenartige Transposition der Gottes Kommunion von Personen in die sichtbare Welt werden. Das gegenseitige Sein-‘für’ – im Fall immer weiterer Gemeinschaften, und um so mehr das liebende Sein-‘für’ einander von Ehemann und Ehefrau – sollte für diese Zweien, für die Familie und das ganze Volk Gottes sichtbares Zeichen des Gottes, mit Liebe erfreuten Gabe-Seins für den Menschen und die ganze Welt bilden.
